9.6 C
New York City
Samstag, Juli 24, 2021
Start Uncategorized Nachahmung bei medial geschilderter Gewalt?

Nachahmung bei medial geschilderter Gewalt?

Am Abend des 29.4.2021 soll Medienberichten zufolge ein 42-j?hriger ?sterreichischer Staatsb?rger in Wien seine deutlich j?ngere Ehefrau erschossen haben. In den folgenden Tagen konnte eine intensive mediale Berichterstattung ?ber die im engen Familienkreis begangene Bluttat festgestellt werden, zumal der angebliche T?ter weiten Teilen der Bev?lkerung bereits bekannt war. F?nf Tage nach der vorgenannten Bluttat wurde am 4.5.2021 ein ?lteres ?sterreichisches Ehepaar in Wien tot aufgefunden, wobei der Ehemann zuerst seine Ehefrau und anschlie?end sich selbst get?tet haben d?rfte, wie Medien zu entnehmen war. Einen weiteren Tag sp?ter, und zwar in der Nacht vom 5. auf den 6.5.2021, folgte ein Doppelmord, der von einem 51-j?hrigen Salzburger an seiner etwa gleichalten Ehefrau und deren Mutter begangen worden sein soll. F?r alle vorgenannten Personen gilt die Unschuldsvermutung.

Wieso Morde im Allgemeinen und Morde an Frauen im Besonderen zeitlich oftmals zusammenfallen, ist bislang wenig erforscht. Ein m?glicher Erkl?rungsansatz wird im Folgenden beschrieben.

Im Jahr 1774 ver?ffentlichte Johann Wolfgang von Goethe seinen Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, in dem der junge Werther in Form von Briefen ?ber seine ungl?ckliche Liebesbeziehung zu der bedauerlicher Weise bereits vergebenen Lotte klagt, ehe er seinem Leben und also seinem Schicksal selbst ein Ende setzt. „Die Leiden des jungen Werthers“ waren europaweit ausgesprochen erfolgreich, aber auch auf wohl wenig beabsichtigte Form einflussreich: Nach Publikation des Buches war eine mindestens zweistellige Anzahl von Suiziden festzustellen, die zweifellos in einem Konnex zu Goethes Werk stand. Der Nachahmungseffekt bei Suiziden wird deshalb auch als Werther-Effekt bezeichnet.

Wenngleich der vorgenannte Zusammenhang zwischen einer literatischen Beschreibung eines Suizids und dessen Nachahmung in gewissen F?llen durchaus auffiel, dauerte es bis in die 1970er-Jahre, ehe sich die psychologische und soziologische Forschung des m?glichen Nachahmungs-Effekts bei Suiziden annahm. Ein solcher ist mittlerweile wissenschaftlich gut abgesichert. So zeigte sich etwa, dass im Zeitraum zwischen den Jahren 1947 und 1967 in 33 F?llen von Berichten von Selbstmorden prominenter Personen auf dem Titelblatt der New York Times in s?mtlichen 33 F?llen ein Anstieg der Selbstmordrate in der Region New York folgte. Im Jahr 1980 beschrieb eine pr?mierte deutsche Mini-TV-Serie den Suizid eines Sch?lers, der sich vor eine Eisenbahn warf. Anschlie?end kam es zu einer H?ufung von eisenbahnunterst?tzten Selbstmorden bei Jugendlichen, nicht aber bei Erwachsenen. Bei einer erneuten, sp?teren Ausstrahlung des Films war dieser Effekt abermals, wenngleich abgeschw?cht, festzsutellen. Mitte der 1980er-Jahre wurde mehrfach ?ber U-Bahn-unterst?tzte Selbstmorde in Wien medial breit berichtet, woraufhin eine Zunahme von vergleichbaren Suiziden festzustellen war.

Studien zeigen, dass es nach Medienberichterstattung ?ber Selbstmorde zu einer echten Zunahme der Suizidf?lle kam, sodass nach einem Peak an Selbstmorden das durchschnittliche Niveau wieder erreicht, aber nicht unterschritten wird. Besonders stark ist der Nachahmungseffekt in personaler Hinsicht bei jenen Personen, die sich in den Proponenten medialer Berichterstattung aufgrund von Gemeinsamkeiten wieder erkennen oder mit diesen sogar identifizieren k?nnen. In zeitlicher Hinsicht greift der Nachahmungseffekt besonders signifikant im Monat der zugrunde liegenden medialen Berichterstattung ein, in ?rtlicher Hinsicht in jenen Regionen, in denen ?ber einen Suizid besonders intensiv berichtet wurde.

Dass Suizide einen Nachahmungs-Effekt ausl?sen, kann nunmehr als gesichert angesehen werden. Doch welche Vorbildwirkung haben Taten, die man nicht an sich selbst vollzieht, sondern an anderen?

Es bestehen starke Anzeichen daf?r, dass Amokl?ufe Nachahmungst?ter dazu animieren, vergleichbare Taten zu begehen. So folgten etwa auf die Amokl?ufe zweier Sch?ler in der amerikanischen Stadt Littleton im Fr?hjahr 1999 innerhalb der folgenden 10 Tage zwei weitere „erfolgreiche“ Amokl?ufe an zwei weiteren Schulen, zudem gab es dutzende Anschlagsdrohungen und gescheiterte Versuche. Nach einem Amoklauf an der Virginia-Tech-Universit?t im Jahr 2007 kam es in den gesamten USA zu zahlreichen einschl?gigen Versuchen. Als in den 1980er-Jahren T?ter Gefallen daran fanden, Supermarkt-Produkte zu manipulieren und Betreiber von Superm?rkten anschlie?end zu erpressen, folgte eine Welle von mehr als 30 vergleichbaren Vorf?llen von Nachahmungst?tern. ?hnliche Effekte waren auch bei Flugzeugentf?hrungen in den 1970er-Jahren oder bei Terroranschl?gen mittels Lastkraftw?gen in den vergangenen Jahren festzustellen.

Wenngleich diese These nicht so valide abgesichert ist wie jene des Werther-Effekts bei Selbstmorden, bestehen doch Indizien daf?r, dass auch T?tungsdelikte einen gewissen Nachahmungseffekt mit sich bringen und sich T?tungsdelikt daher geh?uft im engen zeitlichen Konnex zu Gewaltdarstellungen in Medien ereignen.

Zum Autor: Dies ist ein Fachartikel der Schmelz Rechtsanw?lte OG. Weiterf?hrende Informationen finden Sie im ausf?hrlicheren Originalbeitrag.

Schmelz Rechtsanw?lte OG ist eine in Wien und Klosterneuburg t?tige Anwaltskanzlei. Ihre Schwerpunkte liegen im Familienrecht, Mediation, Medien- und Urheberrecht sowie im Strafrecht.

Keywords:Femizid, Mord, Frauenmord, Werther-Effekt, Nachahmungs-Effekt, Nachahmungseffekt, Nachahmereffekt

adresse

RELATED ARTICLES

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

- Advertisment -

Most Popular

Recent Comments