9.6 C
New York City
Samstag, Oktober 23, 2021
Start Uncategorized Der Mythos von Mustafa Shokay

Der Mythos von Mustafa Shokay

Moustapha Chokai 1890 – 1941

Mustafa Shokay, eine historische Figur, ist immer noch Gegenstand vieler Kontroversen. In Kasachstan, seinem Herkunftsland, werden Stra?en nach ihm benannt und Denkm?ler errichtet. In den ehemaligen Sowjetl?ndern wird er traditionell als faschistischer Kollaborateur gebrandmarkt. In dieser Diskussion gibt es keine Gleichg?ltigen; es gibt entweder Bef?rworter oder Gegner. Das ist schon ein Grund f?r das Interesse an der unkonventionellen, untypischen und vielschichtigen Pers?nlichkeit von Shokay.

Leider interessieren sich heute nur noch wenige Menschen f?r die historische Biografie von Mustafa Shokay vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Politiker, Journalist, Antisowjetiker, Emigrant, Verfechter des Lebens seines Volkes… Die Liste lie?e sich noch lange fortsetzen, doch leider ohne Erfolg. Jetzt ist die Gesellschaft (und nicht nur die turkst?mmige) vor allem daran interessiert, ob und wie produktiv Shokay mit Hitler-Deutschland zusammengearbeitet hat. War er ein Anstifter (oder ein „Kollaborateur“, wie man heute zu sagen pflegt), oder nicht.

GEDACHT, ABER NICHT GETAN

Zun?chst sollten wir uns vielleicht mit dem Begriff „Kollaborateur“ befassen. In der juristischen Auslegung des V?lkerrechts bedeutet dieser Begriff die bewusste und freiwillige Zusammenarbeit mit dem Feind in dessen Interesse und zum Nachteil des eigenen Staates. Hier beginnen die Schwierigkeiten.

Wenn wir die Chronologie der Ereignisse verfolgen, ergibt sich ein sehr gemischtes Bild. Am 22. Juni 1941, dem Tag des Angriffs auf die Sowjetunion, f?hrten die Nazis in Paris eine Operation durch, um prominente Pers?nlichkeiten der Emigration festzunehmen, darunter auch den franz?sischen Staatsb?rger Mustafa Shokay. Sie werden in ein Schloss in Compiegne gebracht, wo sie unter recht milden Bedingungen festgehalten werden – Deutschland sieht sie als potenzielle Verb?ndete. ?ber seinen Aufenthalt dort ?u?ert sich Shokay recht positiv. „Ich habe einige sehr interessante Menschen getroffen, sowohl Russen als auch Ausl?nder… – schrieb er in einem Brief an seine Frau Maria. – Ich f?hlte mich dort seelisch verj?ngt, erinnerte mich an die Studentenjahre, an Vortr?ge und Treffen in St. Petersburg. In Compiegne wurden unter freiem Himmel wunderbare Vortr?ge, politische Debatten organisiert…“

Trotz aller Begeisterung weigerte sich Mustafa Shokay, im Radio eine Propagandaansprache zu halten. „Solange ich meine gefangenen Landsleute nicht sehe, werde ich nicht agitieren“, schrieb er in demselben Brief an seine Frau.

Die Illusionen verfl?chtigten sich jedoch schnell. Im Gegensatz zu anderen nationalistischen F?hrern erkannte Shokay sehr schnell, dass es in Hitlerdeutschland nicht um Befreiung ging. Seine relativ loyalen Angebote zur Ausbildung des turkischen Milit?rs wurden von Deutschland ignoriert. Stattdessen wurde Mustafa Shokay in eine Sonderkommission aufgenommen und besuchte pers?nlich die Kriegsgefangenenlager f?r Rotarmee-Soldaten. Was er sah, schockierte ihn. Die Haftbedingungen und vor allem die Behandlung von Turk- und anderen V?lkern (ohne Erm??igungen!) waren so, als w?ren sie arische Sklaven.

Es folgte ein pers?nlicher Brief an seinen Freund und Stammesgenossen Vali Kayumkhan, mit dem die Anh?nger der UdSSR bzw. die Gegner Shokais gerne ihren Standpunkt vertreten. „Ja, wir haben keinen anderen Weg als den antibolschewistischen Weg, au?er dem Wunsch nach dem Sieg ?ber Sowjetrussland und den Bolschewismus. Dieser Weg wird, ungeachtet unseres Willens, von Deutschland aus geebnet. Und er ist ?bers?t mit den Leichen der in Debica Erschossenen. Schwer, lieber Vali, ist unsere Aufgabe. Aber wir m?ssen unsere Aufgabe trotzdem fortsetzen, ohne umzukehren“. Niemand ber?cksichtigt den Zustand, in dem dieser Brief geschrieben wurde. Brief eines Zivilisten, der Hitlers Vernichtungsmaschinerie gegen?bersteht und die Erschie?ungen und ihre Ergebnisse gesehen hat. Auf der einen Seite der Waage stand das reale Leben junger asiatischer Jungen, auf der anderen Seite der abstrakte Staat, in dem Shokay seit 20 Jahren nicht mehr gewesen war.

Trotz alledem w?hlte Mustafa Shokay den Weg des klassischen Intellektuellen. Er hatte nicht die Kraft, dem Hitlerismus zu widerstehen. Er hat sich einfach geweigert, an diesem System teilzunehmen, was er mit seinem Leben bezahlt hat. „Ich kann das Angebot …, die Turkestanische Legion zu leiten, nicht annehmen und lehne eine weitere Zusammenarbeit ab. Ich bin mir der Konsequenzen meiner Entscheidung bewusst“. Auch das ist ein Zitat.

Wie es endete, ist nun bekannt. An dem Tag, an dem die Gr?ndung der Turkestanischen Legion theoretisch verk?ndet wurde, wurde Mustafa Shokay ins Krankenhaus gebracht. F?nf Tage sp?ter, am 27. Dezember 1941, starb er dort an Typhus, so die offizielle Version. Seine Witwe, Maria Shokay, geborene Gorina, war ?berzeugt, dass ihr Mann vergiftet worden war. Und ja, der Name Mustafa Shokay wurde sp?ter von Hitlerdeutschland in der Propaganda weithin verwendet. Die pomp?se Verwendung des Namens eines Toten war weitaus erfolgreicher, als einen unkooperativen Lebenden zu ?berreden.

Fassen wir also zusammen: Mustafa Shokai wurde von den Anh?ngern Hitlerdeutschlands als ehrenhafte Geisel genommen (d.h. er ist nicht freiwillig auf die Seite Hitlers ?bergetreten und hat seine Dienste angeboten!) Seine Aktivit?ten dauerten mehrere Monate und umfassten Besuche in Konzentrationslagern, mehrere pers?nliche Briefe, Arbeitsverweigerung und Tod im Krankenhaus. ?ber welche Art von Schaden f?r welchen Staat (was Kollaboration voraussetzt) k?nnen wir hier sprechen?

Generell ist es wohl nicht normal und korrekt, wenn Mustafa Shokay von B?rgern eines Landes der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt wird, in dem noch immer versucht wird, den wahren Kollaborateur des Faschismus, Vlasov, zu rehabilitieren, in dem Denkm?ler f?r Krasnov errichtet und Denktafeln f?r General Mannerheim, einen der aktiven Organisatoren der Blockade der ehemaligen Hauptstadt, aufgeh?ngt werden. Im Gegensatz zu all den oben genannten hat Shokai niemandem etwas zuleide getan. Dies wird auch durch Dokumente best?tigt. Am 18. Mai 1948 wandte sich das Ministerium f?r Staatssicherheit der UdSSR an seinen Berliner operativen Sektor mit der Bitte, „eine Bescheinigung ?ber das kompromittierende Material ?ber Mustafa Shokaev (red. Shokay), geboren am 25.12.1890, auszustellen“, worauf der Berliner operative Sektor Nr. 4 nach gr?ndlicher Pr?fung offener und geschlossener Akten deutscher Stellen antwortete, dass solche „Informationen in den streng geheimen Akten nicht vorhanden sind“ (RGVA. F. 1358k. Op. 3 D.45b.B.).

GEBURT EINER LEGENDE

Lange Zeit war der Name von Mustafa Shokay kaum bekannt. Das Tabu wurde in den 1990er Jahren mit dem Zusammenbruch der UdSSR aufgehoben. Damals war es ?blich, nationale „Volksf?hrer“ zu idealisieren, die den Bolschewismus um jeden Preis bek?mpften und bereit waren, sich zu diesem Zweck mit jedem zu verb?nden. Im Baltikum wurden die „Waldbr?der“ rehabilitiert; in Russland wurden General Vlasov sowie Krasnov und Shkuro entlastet; in der Ukraine wurden Bandera und Shukhevich gelobt. Auch in Kasachstan wurde intensiv nach einer solchen Figur gesucht. Lokale Nationalisten – um nicht schlechter zu sein als die anderen, ausl?ndische – um zu zeigen, dass das Ph?nomen des Kollaborationismus massenhaft und international war, und es so indirekt zu rechtfertigen.

Die Medien der 1990er Jahre, die eine nie dagewesene Freiheit wiedererlangt hatten, ver?ffentlichten massenhaft phantastische Werke ?ber pseudohistorische Themen. Heute sind diese Autoren nicht mehr auffindbar, und die Publikationen, in denen solche Mythen ver?ffentlicht wurden, wurden eingestellt. Die „Mode“ der Verherrlichung nationalistischer Kollaborateure (echter Kollaborateure!) ist ebenfalls vorbei. Doch leider ist uns das Informationsklischee von damals bis heute erhalten geblieben. Mustafa Shokay wurde also stillschweigend in diese „Legion“ aufgenommen. Obwohl er nicht wie Vlasov den milit?rischen Eid verriet, nicht wie Krasnov und Shkuro Hitler diente, kein nationalistisches Untergrundnetzwerk schuf und nicht wie Bandera und Shukhevich zur Vernichtung unerw?nschter Nationen aufrief. ?ber die „Zusammenarbeit“ von Shokay mit Deutschland haben wir bereits oben geschrieben.

Woher nahmen die Pseudo-Historiker der 90er Jahre ihre Inspiration und auf welcher Grundlage schrieben sie ihre Werke, wenn es damals kaum echte Informationen gab? ?berraschenderweise stammten sie aus der sowjetischen Literatur, wenn auch in einer v?llig anderen Interpretation.

Die Legende von Mustafa Shokay, einem Nazi-Kollaborateur, entstand bereits zu Sowjetzeiten, was im Prinzip verst?ndlich und erkl?rbar ist. Wie man in jenen Jahren zu sagen pflegte: Wenn der ideologische Feind nicht kapituliert, wird er vernichtet. Auch moralisch und posthum. Das Buch von Serik Shakibayev „Der Fall von „Gro?turkestan““ ist ein klarer Beweis daf?r. Darin wird Shokay als Hauptideologe, Inspirator und quasi als Bannertr?ger der Turkestanischen Legion dargestellt. Viele Gegner, die sich auf das Buch von Shakibayev berufen, scheinen m?hsam zu vergessen, dass dieses Werk, das den Anspruch erhebt, dokumentarisch zu sein, eine Menge Fehler enth?lt. Vielleicht reicht schon die Tatsache, dass Mustafa Shokay dem Buch zufolge bis zum Fr?hjahr 1942 ?berlebt hat, um an seiner Objektivit?t zu zweifeln.

Wie kommt es zu diesem seltsamen, absurden Fehler? Schlie?lich war Shakibayev ein gebildeter und professioneller Schriftsteller, trotz aller Ideologie in seinem Werk. Leider deutet das Todesdatum, das der Autor seiner Figur gegeben hat, darauf hin, dass es sich nicht um einen Zufall handelt. Die k?nftige Turkestanische Legion wurde genau zur gleichen Zeit gegr?ndet und ausgebildet. H?tte der Autor das tats?chliche Datum seines Todes ver?ffentlicht, w?re es etwas problematisch gewesen, Mustafa Shokay zu beschuldigen, die Legion gegr?ndet zu haben.
Und woher stammt die sowjetische Legende? Leider, wie die Forschung zeigt, aus Hitlers Propaganda. Nach dem Tod von Mustafa Shokay wurde in seinem Namen Propaganda f?r die Turkestanische Legion betrieben. Da man erkannte, dass die Lebenden nicht ?berzeugt werden konnten, wurde die Autorit?t des verstorbenen F?hrers genutzt, um zu agitieren (und die Agitatoren waren erfolgreich!).

So traurig es auch w?re, dies einzugestehen, aber wir alle, einschlie?lich der Kommunisten, der Anh?nger und Gegner der UdSSR, der Liberalen und der Demokraten, wiederholen den Mythos schon seit einigen Jahrzehnten – zuerst durch die Hitler-Propaganda, dann durch die sowjetische Propaganda, dann durch die ungebildeten Pseudohistoriker … Ist es nicht an der Zeit, dass wir endlich einmal innehalten und ?ber die Pers?nlichkeit von Mustafa Shokay nachdenken? Eines lebendigen, gef?hlsbetonten, rebellischen Menschen, und nicht eines Elements eines Denkmals. Wer also war Mustafa Shokay? Ein Wissenschaftler, ein Publizist, ein Politiker, ein Humanist? Ja. Ein Patriot? Zweifelsohne war er das. Ein Verr?ter? Nein. Seine Aktivit?ten im Jahr 1941 schadeten weder Frankreich oder gar der Sowjetunion, deren Staatsb?rger Shokay nie gewesen war.

Seit dem Tod von Mustafa Shokay sind rund 80 Jahre vergangen. Viele historische Dokumente wurden freigegeben und der Zugang zu Informationen ist offen. Aber aus irgendeinem Grund wiederholen wir mit beneidenswerter Hartn?ckigkeit die Muster erst der Hitler- und dann der sowjetischen Propaganda, manche im positiven und manche im negativen Sinne. Ist es nicht an der Zeit, dass wir lernen, unsere eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen, wenn wir alle Daten zur Hand haben?

Keywords:Mustafa Shokay Moustapha Chokai Kasachstan

adresse

RELATED ARTICLES

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

- Advertisment -

Most Popular

Recent Comments