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Klöckner missachtet EU-Verbot – Toxisches Pflanzschutzmittel schädigt Bienen, Fische und Vögel

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Ein für Insekten hochgiftiges Pflanzschutzmittel wird in Deutschland unkontrolliert eingesetzt. Agrarministerin Julia Klöckner erlaubte es 2021 trotz EU-Verbot. Der Zoologe und Neurobiologe Randolf Menzel nennt dies „völlig unverantwortlich“. Im SNA-Interview erklärt er, was das Nervengift bei Bienen und anderen Tieren anrichtet.

Herr Menzel, die EU hat 2018 verboten, die PflanzschutzmittelThiamethoxam und Clothianidin im Freiland auszubringen. Erklären Sie mal: Was bewirkt Thiamethoxam bei Bienen und anderen Insekten?

Beide Substanzen gehören zu den sogenannten Neonicotinoiden, und zwar denjenigen, die bei sehr geringen Konzentrationen hoch toxisch sind. Thiamethoxam ist besonders gefährlich, weil bei dessen Abbauprodukten auch Clothianidin entsteht. Dieses ist also in gewisser Weise doppelt gefährlich. 2018 wurden dieses Pflanzschutzmittel und noch ein weiteres Neonicotinoid wegen der sehr hohen Toxizität für alle Insekten verboten – und nicht nur für Insekten, auch für Bodentiere und für Tiere im Wasser und Krebse und dergleichen. Daher sollte man davon ausgehen, dass diese nicht mehr wieder eingesetzt werden.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit unter Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat dann doch in mehrjährigen Zulassungen den Einsatz dieses Pflanzschutzmittels unter anderem in Bayern erlaubt. Wie konnte es dazu kommen, dass die Behörden so eine Genehmigung erteilten?

Solche Genehmigungen kommen als Reaktion auf die Anfragen der Landwirtschaft und sie sind mitunter durchaus berechtigt. In diesem Fall sind sie in meiner Sicht in keiner Weise berechtigt: weil es sich um dieses Thiamethoxam handelt, was mit Clothianidin zusammen hochgiftig ist und weil es vorbeugend eingesetzt wird. Das ist ja das eigentliche Problem. Wenn eine akute Belastung vorliegt, die von einem Schadinsekt ausgeht, dann sollten solche Notzulassungen durchaus eine mögliche Methode der Bekämpfung sein. Allerdings wenn es vorbeugend ist, ist es vollkommen sinnlos und schädigt die Umwelt massiv.

– Warum greifen konventionelle Bauern auf solche Pestizide zurück?

Das sind in gewisser Weise traditionelle Methoden. Die sind von den Bauern „eingeübt“, wenn sie großflächig eingesetzt werden. Sie werden sehr schnell bei den Ministerien beantragt, wenn irgendwelche Gefahren am Horizont erscheinen. Das ist eine leider noch nicht erfolgte Umstellung in der Landwirtschaft. Die weiß mit den Verbotsregeln nicht recht umzugehen. Die Regeln sind aber sehr sinnvoll und dringend notwendig.

Laut einer in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichten Studie sind auch sehr geringe Mengen dieser Pestizide gefährlich für alle Insekten. Worin besteht die Gefahr für Bienen und andere Insekten auf den Feldern oder auch im Umland?

Diese Substanzen sind extrem toxisch: für Bienen und für nützliche Insekten, bestäubende Insekten. Die sind in geringsten Mengen wirksam. Im Bereich von zehn Nanogramm pro Gramm wirken sie bereits tödlich und noch geringere Konzentrationen wirken schädigend. Das ist vor allem für die bestäubenden Insekten von großer Bedeutung. Sie können dann nicht mehr nach Hause zurückkehren, sie können nicht mehr ihre soziale Kommunikation durchführen, sie können nicht mehr lernen. All das ist sehr gut belegt.

In sieben Bundesländern durfte von Januar bis April 2021 das Thiamethoxam-haltige Produkt „Cruiser 600 FS“ von dem Chemiekonzern Syngenta ausgebracht werden. In Bayern und in angrenzenden Feldern und in Gewässern wurden nun in Wasserproben hohe Werte der eigentlich verbotenen Pestizide gemessen. Wie sehr lässt sich der Einsatz der Neonicotinoide eingrenzen?

Das Eingrenzen ist ein riesiges Problem. Die Oberflächenwasser, aber auch das Grundwasser transportieren diese sehr stabilen Substanzen über längere Strecken. Sie sind wasserlöslich und das ist die eigentliche Gefahr. Sie gelangen in die Bäche, in die Seen und in die Teiche und schädigen dort die Nahrung für die Fische. Auch die Vögel sind davon betroffen, weil sie ein geringeres Nahrungsangebot an Insekten haben. Ein gesamter Komplex des ökologischen Gleichgewichts wird durch diese transportierten toxischen Substanzen gestört. Jahrzehntelange Untersuchungen haben mit den massiven Beeinträchtigungen gerechnet, die sich dann auch immer eingestellt haben.

Eine Bedingung für die Sondergenehmigung war die Einschränkung des Zeitraums. Das Pestizid wurde von Januar bis April ausgebracht. Steht die Überlegung dahinter, dass dann noch keine Bestäuber unterwegs sind?

Das ist eine völlig verrückte Annahme. Gerade die solitären Wildbienen sind sehr frühzeitig, schon Anfang März unterwegs und die Honigbienen ebenfalls. April ist eine der wichtigsten Jahreszeit, in der Honigbienen eine ganz besondere Aktivität entwickeln: Nektar einsammeln, Honig produzieren, Pollen transportieren und bestäuben.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Die die biologische Diversität nicht gefährdet, aber den Landwirten hilft?

Das Allerwichtigste ist, dass keine vorbeugenden Behandlungen erfolgen. Ein im Prinzip verbotenes Mittel darf als Notmaßnahme nur mit ausdrücklichem Nachweis eingesetzt werden, dass eine solche Schädigung tatsächlich vorliegt. Die Behandlung muss lokal und streng kontrolliert durchgeführt werden. In einer solchen Situation kann also in Ausnahmefällen – das war hier natürlich nicht der Fall – so eine Notmaßnahme eingeleitet werden. Aber sie flächenmäßig unkontrolliert, vorbeugend einzusetzen – das ist völlig unverantwortlich.

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